Teil 5

Nach weiteren mühseligen Wochen kann ich es nun endlich. Egal wie groß und schwer ein Gegenstand ist, ich bewege ihn problemlos. Gewicht und Größe spielen scheinbar keine Rolle mehr. Genauso wenig wie die Masse an Gedanken, die auf mich eindringt. Ich kann nun die Gedanken von allen Leuten in einem Kilometer Umkreis hören. Ich kann einen Gedanken aus der Masse herausfiltern und den Fluss der Gedanken ein und ausschalten.

Ich habe die Kontrolle. Solange ich die Ruhe bewahre. Mich nicht von Gefühlen kontrollieren lasse. Ich bin bereit. Bereit die Weltbühnen zu betreten. Bereit mein Meisterstück zu spielen. Das Werk meines Lebens. Zeit mich endlich wieder unter Menschen zu wagen. Hoffen wir, dass die Maske fest genug sitzt. Dass ich meinen Text kann.

 

Ich laufe durch die Stadt. Max neben mir. Mehrere Tüten in der Hand. Bis jetzt läuft alles gut. Nichts ist passiert. Ich komme mir fast normal vor. Unscheinbar.

Doch dieses Gefühl hält sich nicht lange. Ich will gerade in eine andere Straße einbiegen, als das Gebäude schräg gegenüber in Flammen aufgeht. Das Chaos scheint mir zu folgen. Zeit meine Schauspielkünste auf die Probe zu stellen.

Ich sehe wie eine handvoll Erwachsene aus dem Mehrfamilienhaus stolpern. Eine Frau hat ein kleines Kind auf dem Arm und ein anderes an der Hand. Ein Mann blickt sich panisch um. Er scheint nicht zu finden, was er sucht, denn er macht Anstalten wieder in das Haus zu rennen. Die Frau neben ihm scheint ihm folgen zu wollen, aber ein etwas dickerer Mann, der wie ich nicht in dem Gebäude war ,sondern nur Passant ist, packt beide an den Armen und hält sie zurück. Sirenen erklingen im Hintergrund, während die beiden sich zappelnd und tretend hysterisch gegen den dickeren Mann wehren. Über die Sirenen höre ich nur schwach die kratzige und panische Stimme der Frau.

„ Nein. Lass mich los. Meine Kinder sind da noch drin. Bitte, jemand muss meinen Kindern helfen.“

Ohne, dass dich es bemerkt habe, habe ich angefangen auf die drei zuzueilen.

Ich sehe das mitleidige Gesicht des Mannes. „ Tut mir leid. Es kann niemand mehr rein. Das wäre Selbstmord.“

Die Frau schreit ihn wütend weiter an. „ Das ist mir egal. Lass mich da rein. Ich will zu meinen Kindern.“

Ohne einen weiteren Moment zu zögern, renne ich auf das Haus zu. Ich konzentriere mich und lege einen Schalter in meinem Gehirn um. Tausende von Gedanken stürmen auf mich ein, aber ich konzentriere mich nur auf die panischen aus dem Haus. Als ich nur noch sie höre, orte ich sie. 2.Stock, Ostseite. Ich renne ohne abzubremsen durch die Tür des Hauses. Ich höre noch die Stimme der Frau, die mich panisch anfleht ihre Kinder zu retten, dann werde ich von den Flammen verschlungen.

Ich blicke mich um. Egal wo ich hinschaue, überall ist Feuer. Die Hitze ist allumfassend. Unerträglich. Das Tosen des Feuers übertönt alles andere. Ich brenne. Das Monster brennt. Aber früher als ich erwartet hatte. Für einen Moment gleitet mein Geist ab und ich komme mir vor wie in der Hölle. Panik steigt in mir auf und droht mich zu überwältigen.

Plötzlich höre ich klare Gedanken in meinem Kopf. Sie sind panisch, aber dennoch rational und entschlossen. Es ist nur ein einziges Wort, dass sich immer wieder wiederholt. Wie ein Mantra. „Beschützen. Beschützen. Beschützen.“

Ich schüttle mich aus meiner Trance und konzentriere mich wieder auf meine Umgebung. Ich muss so schnell wie möglich in den 2.Stock. Ich habe nicht viel Zeit, bevor wir alle ersticken. Die Treppe direkt neben mir steht zwar bereits in Flammen, scheint aber hauptsächlich aus Marmor zu bestehen und ist deshalb offenbar noch nicht Einsturz gefährdet.

Mit ausgestreckten Armen kämpfe ich mich zur Treppe. Durch einfache Handbewegungen und minimale Konzentration weicht das Feuer vor mir zurück und macht somit den Weg frei. Ich eile die Treppe hinauf in den 2.Stock, wobei ich immer wieder fallenden Trümmern ausweichen muss.

Oben angekommen, konzentriere ich mich erneut auf das Gedankenmantra, dass nach wie vor klar in meinem Kopf widerhallt und folge zügig den Impulsen. Währenddessen sende ich meine telekinetischen Fähigkeiten aus und taste vorsichtig meine Umgebung ab. Dieser Stock ist nicht mehr sonderlich stabil. Wenn ich das richtig einschätze habe ich höchstens noch 2 min bis dieser Stock völlig einstürzt.

Ich schaue auf die Uhr. Ich bin bereits etwas mehr als eine Minute hier drin. Nicht mehr lange und sowohl ich als auch die Kinder haben zu viel giftigen Rauch eingeatmet und dagegen kann ich nichts machen.

Ich zwänge mich in den nächsten Raum. Der Raum, aus dem die Gedanken kommen.

Ich sehe mich um. In der hintersten Ecke des Raumes, dicht an die Wand gepresst, kauert ein kleiner Junge etwa im Alter von 10 Jahren schützend über einem höchstens 6- jährigem Mädchen und einem vielleicht 3 Jahre altem Jungen und schirmt sie mit seinem Körper von der Hitze und den Flammen ab. Er drückt mit einer Hand ein kleines, scheinbar nasses Tuch auf seinen Mund und seine Nase , während mit der anderen Hand ein ähnliches Tuch auf den Mund des kleinen Jungen drückt. Schlauer Bursche. Auch das Mädchen hat ein Tuch auf Mund und Nase. Dennoch scheinen alle drei ziemlich angeschlagen. Der kleinste ist schon nicht mehr bei Bewusstsein, während das Mädchen und der tapfere Junge zwar noch bei Bewusstsein sind, aber augenscheinlich nicht mehr lange bleiben werden. Das Feuer hat sie bereits eingesperrt und die Flammen lecken schon an den Schuhen des Jungen.

Ich wische mit einer schnellen Handbewegung die Flammen aus dem Weg und eile zu ihnen. Als ich mich über sie beuge, schaut der Junge überrascht auf. Erleichtert. Ich packe den Kleinen, hieve ihn auf meinen Arm und bedeute ihnen mir zu folgen. Brav stehen die Beiden auf und folgen mir.

Ich werfe erneut einen Blick auf die Uhr. Eine Minute. Länger haben wir nicht , um hier raus zukommen, bevor wir ersticken und der 2.Stock einstürzt. Das schaffen wir niemals bis nach unten.

Während wir zur Treppe eilen, zermartere ich mir das Gehirn, wie wir schneller hier herauskommen, doch als wir an der Treppe ankommen, ergibt sich ein neues Problem: die Treppe ist eingestürzt. Neben mir höre ich die beiden Kinder keuchend husten. Die Flammen, die nun anstelle der Treppe tosen, kommen uns gefährlich nah und schießen giftige Gase direkt in unsere Richtung. Auch ich muss jetzt husten. Besorgt schaue ich zu dem Kind auf meinem Arm. Er rührt sich nicht.

Mein Blick fällt auf eine Tür, die noch nicht in Flammen aufgegangen ist. Ich nehme das Kind und drücke es dem Jungen in den Arm. Dann richte ich meine Konzentration auf die Tür und hebe sie aus den Angeln , um sei dann waagrecht in die Luft zu legen. Schwebend.

„ Setzt euch auf die Tür.“, bringe ich zwischen 2 Hustern hervor.

Sie tun , was ich sage. Ich schaue durch das Fenster , auf der anderen Seite des Loches, an dessen Stelle einst die Treppe war. Vor dem Fenster hängt ein Fensterputzergestell. Ich deute darauf.

„ Wenn ihr am Fenster seid, klettert da rein.“

Der Junge nickt. Ich öffne mit einer schnellen Handbewegung das Fenster und konzentriere mich dann mit aller Macht auf die Tür.

Ich habe noch nie etwas schweben gelassen, auf dem Menschen sind. Das ist neu. Aber deutlich schwerer wird das, was ich danach vorhabe. Mich selbst schweben lassen. Das Monster lernt fliegen. Wie ironisch, wenn ich daran denke , wie tief ich bei meinem Tod fallen werde…

Die Tür ist mittlerweile am Fenster angekommen und die Kinder klettern in das Fensterputzergestell. Unter den wachsamen Blicken der Kinder konzentriere ich mich nun auf meine Schuhe und darauf sie schweben zu lassen. Wenn ich mit der Kraft meines Willens andere schweben lassen kann, warum dann nicht auch mich? Und tatsächlich… es funktioniert.

Langsam hebe ich vom Boden ab und schwebe hustend zum Fenster. Dort angekommen, klettere ich auch in das Fensterputzergestell. Erneut schaue ich auf die Uhr. 10 Sekunden.

Ich sehe die Seile an, die das Gestell halten. Sie reißen. Für einen kurzen Moment fallen wir, dann reiße ich die Arme hoch und konzentriere mich mit aller Macht darauf das Gestell mit mir und den Kindern darin langsam vom Haus weg und zu Boden schweben zu lassen. Ich verziehe vor Anstrengung mein Gesicht. Meine Arme zittern. Es mag ja nur Glauben benötigen, damit das Gewicht keine Rolle spielt, aber einen Gegenstand mit Leuten darin und gleichzeitig sich selbst zum schweben zu bringen , ist dennoch sehr anstrengend. Vor allem unter diesen Umständen.

Ich merke wie Blut aus meiner Nase läuft und zu meinem Schrecken fängt selbiges auch in meinen Ohren an. Wie muss das wohl für die Menschen dort unten aussehen? Ein Kind, das andere Kinder mit „magischen“ Kräften aus einem brennenden Haus rettet und dabei aus Ohren und Nase blutet. Ich würde mich nicht wundern, wenn so mancher dort unten gerade einen Herzinfarkt erleidet.

2 Meter über dem Boden kann ich schließlich nicht mehr. Mein Körper kann die Anstrengung nicht mehr aushalten.

„Festhalten.“, keuche ich noch, dann fallen wir.

Hinter uns stürzt das Haus endgültig ein. Wir schlagen hart auf dem Boden auf. Mittlerweile blute ich auch aus den Augen. Ich sehe so gut wie nichts. Jede Sehne schmerzt. Ich höre wie Leute auf uns zurennen. Ich versichere mich, dass es den Kindern gut geht. Als ich die Gedanken von allen dreien höre, atme ich erleichtert auf.

Eine Frau kommt als erste an. Ich erkenne sie an ihrem Gedankenmuster. Es ist die Mutter der Kinder. Sie strahlt Erleichterung aus.

„Danke. Danke. Gott segne dich.“, meint sie dankbar in meine Richtung.

Ich nicke. Zu mehr fehlt mir die Kraft. Wenn sie nur wüsste, dass Gott mich niemals segnen wird. Ich höre noch, wie die Feuerwehr ankommt und die Feuerwehrmänner auf uns zu eilen. Na endlich. Dann verliere ich das Bewusstsein.