Teil 3

Nachdem Max das gröbste erklärt hat, bringt er mich zu einer Hütte im Wald. Weit weg von jeglicher Zivilisation. Er meint, hier können sie mich nicht finden und dass er in ein paar Tagen wiederkommt.

Jetzt sitze ich hier in dieser leeren Hütte und versuche alles zu verarbeiten. Ich bin ein übernatürlicher Mutantenfreak mit telekinetischen und telepathischen Kräften. Zumindest laut Max. Das ist in Ordnung. Ich bin schon immer ein Freak gewesen. Es wäre eher komisch, wenn ich plötzlich normal wäre. Was seltsam ist, ist, dass andere Mutanten anscheinend monatelang nach mir gesucht haben. Max meint, er sei schon vor Monaten auf mich angesetzt worden. Seit ich aus dem vorletzten Waisenhaus geworfen wurde wegen den letzten Vorfällen dort, haben einzelne Mutanten ganze Städte nach mir durchkämmt, um das verlorene Kind nach Hause zu holen.

Meine Eltern sollen auch Mutanten gewesen sein. Ein Telepath und eine Telekinetin. Von ihnen habe ich meine Fähigkeiten. Anscheinend macht die Kombination dieser beiden Gaben mich zu einem der stärksten Mutanten, die es gibt. Unheimlich. Aber was noch viel unheimlicher ist, ist , dass es über Mutanten wie mich eine Prophezeiung gibt. Anscheinend sollen wir die einzigen sein, die Mutanten und Menschen versöhnen können und ein offenes Miteinander erwirken können. Mutant… ok. Ungewöhnlich starker Mutant… ebenfalls ok. Aber Friedensbringer…wohl eher nicht. Sorry, Schicksal, aber ich bin wohl kaum die Richtige dafür, denn ich bringe nur Chaos.

 

Als Max schließlich zurückkommt, ist er nicht allein. Eine Frau ist bei ihm. Mit ihren langen braunen Haaren, ihrer schlanken Figur und ihrem freundlichem, makellosem Gesicht ist sie ganz hübsch und könnte fast freundlich wirken, wenn da nicht diese unglaublich starke Welle an Autorität wäre, die sie ausstrahlt.

Ich habe ein Problem mit Autoritätspersonen und das schon seit ich denken kann. Autoritätspersonen neigen meiner Erfahrung nach zu Arroganz und Machtmissbrauch. Vielleicht bin ich auch einfach zu oft von einer Autoritätsperson abgeschoben worden oder ich habe einmal zu oft eine getötet… Jedenfalls habe ich ein Problem mit ihnen, weswegen ich der Frau mit Vorsicht begegne.

Max stellt die Frau als Andrea vor. Anscheinend ist sie das Oberhaupt der Mutantenbewegung, der meine Eltern angehört haben.

Laut dem, was sie in ihrer Redeschleife von sich gibt, gehört sie zu den „Good Guys“ . Denen, die friedlich mit den Menschen leben wollen. Anscheinend gibt es auch Mutanten, die die Menschen verachten und loswerden wollen. Diese sehen nicht ein, sich vor den, ihrer Meinung nach, schwachen Menschen zu verstecken.

Die Existenz dieser „ Bad Guys“ ist mir neu. Davon hat Max nichts erwähnt. Warum? Dachte er es würde mich abschrecken? Er hätte sich denken können, dass es das nicht tut. Ich bin eine Massenmörderin. Ein Monster. Diese Mutanten können kaum schlimmer sein als ich.

Schon bevor Andrea fertig geredet hat , weiß ich was sie will. Sie möchte mich in ihrem Team. Sie möchte, dass ich Menschen und Mutanten vereine.

Tut mir leid, Andrea, hier bist du an der falschen Adresse. Ich bringe keinen Frieden. Alles was ich bringe ist Tod und Zerstörung. Ich werde nie wieder in die Nähe zu vieler Menschen gehen. Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt noch in die Nähe von nur einem Menschen gehen werde. Die Gefahr jemanden zu verletzen ist zu groß. Ich könnte die Kontrolle verlieren. Ich ertrage es nicht auch nur noch einen Menschen zu verletzten. Ich will niemandem mehr wehtun. Die Schuld zerquetscht bereits mein Herz. Noch mehr davon ertrage ich nicht.

Ich unterbreche Andrea. „ Ich werde mich weder dir noch irgendjemand anderem anschließen. Ich werde mich von den Menschen fernhalten. Ich bin nicht die, die Sie suchen. Es tut mir leid, aber ich bin nicht die, auf die sie alle warten.“

Ich würde ihr gerne helfen, aber selbst wenn ich mich nicht von den Menschen fernhalten würde, sind sie ohne mich besser dran. Ich zerstöre alles was ich anfasse.

Nachdem Andrea enttäuscht gegangen ist, verschwindet auch Max wieder. Ich bin wieder alleine.

 

Ich lasse mir Andreas Vorschlag erneut durch den Kopf gehen. Ich habe richtig entschieden. Ich würde mich niemals einer solchen Organisation anschließen. Dort gibt es viel zu viele Leute, die ich verletzen könnte. Aber ich würde dennoch gerne den Menschen helfen. Sie schützen. Vielleicht kann ich so einen Teil meiner Schuld zurückzahlen und somit meine Schuldenliste wieder auf 0 setzten. Natürlich weiß ich, dass ich damit viele Menschen mehr in Gefahr bringen würde, als ihnen zu helfen, aber was ist , wenn ich lerne es zu kontrollieren? Ich würde so gerne meine Schulden abbezahlen. Mein Gewissen entlasten. Den Menschen helfen. Mich von meinen Sünden reinwaschen. Natürlich kann ich meine Vergangenheit nicht auslöschen. Einfach ausradieren. Aber vielleicht wäre ich dann wenigstens für manche Menschen nicht nur Nerice, das Monster. Vielleicht würden manche Menschen mich dann als die gute Nerice sehen. Die, die ich eigentlich sein sollte. Immer sein wollte. Vielleicht könnte diese Nerice dann wenigstens irgendwann Frieden finden, während die echte Nerice im Feuer brennt… während ich im Feuer brenne. Nicht würdig jemals meinen Frieden zu finden. Denn Monster kommen nicht in den Himmel…

Ich entscheide mich, es zu versuchen. Zu versuchen es zu kontrollieren. Diese Macht zu kontrollieren. Zu versuchen das Mädchen zu spielen, dass im Himmel ihren Frieden finden würde, wenn es denn wirklich existierte. Aber natürlich ist das nur eine Maske. Eine Maske, die ich dem Monster aufsetzte, um Vergebung zu suchen, wo es keine Vergebung gibt. Nie geben wird…