Teil 1

Ich sehe durch das Fenster, wie Mrs. Miller , die Heimleiterin, die Kinder beim Spielen unterbricht und hineinschickt. Jeden Moment wird Eva, ihre Tochter, an meine Tür klopfen und mich zum Essen holen. Ich mag Eva. Sie ist nett und scheint keine Angst vor mir zu haben. Seit sie vor 2 Jahren 18 Jahre geworden ist, hilft sie ihrer Mutter hier im Waisenhaus und sie macht das hervorragend. Manchmal unterhalten wir uns stundenlang oder sie hilft mir bei den Hausaufgaben. Sie glaubt nicht, dass ich verflucht bin, aber das glauben sie alle nicht… bis es dann losgeht. Ich hoffe, dass Eva nicht da ist, wenn es losgeht. Dass sie gerade in der Stadt ist oder so. Ich will nicht, dass ihr etwas passiert. Sie ist das ,was einer Freundin am nächsten kommt.

Es klopft. Eva steckt ihren Kopf herein.

„ Essen, Nerice.“ , meint sie freundlich und schließt die Tür wieder.

Ich stehe auf und gehe langsam auf die Tür zu. Ich weiß, was passieren wird, wenn ich unten ankomme. Die anderen Kinder werden sich ganz dicht beisammen in die hinterste Ecke des Raumes verziehen. Möglichst weit weg von mir und meinem Tisch. Es ist klug von ihnen so vorsichtig zu sein. Je weiter sie von mir weg sind, desto schwerer wird es mir fallen sie zu verletzen.

Ich öffne die Tür und trete hindurch. Achtung, Leute. Hier kommt das verfluchte Mädchen. Ich werfe einen letzten sehnsüchtigen Blick in mein Zimmer und schließe dann die Tür. Klick.Lärm dringt aus der Küche zu mir hoch. Die Kinder stehen schon mit ihren Tellern bereit. Ich höre hektisch klapperndes Geschirr. Jeder will der Erste sein. Möglichst schnell wieder weg, bevor ich komme.

Mittlerweile bin ich am Ende des Flurs angekommen und gehe jetzt die Treppe runter. Bumm, bumm, bumm. Die Bewegungen in der Küche werden hektischer. Ich kann ihre schwachen Silhouetten von der Treppe aus sehen. Bumm. Sie bewegen sich noch schneller. Fast schon panisch. Bumm. Nur noch zwei Stufen. Achtung, der Freak kommt. Bumm. Bumm. Die Schatten schnappen sich ihre mittlerweile vollen Teller und machen sich schnell auf den Weg ins Wohnzimmer. Bumm. Ich bin unten angekommen und wende mich jetzt in Richtung der Küche. Bamm. Bamm. Bamm. Meine Schritte klingen auf diesem Boden tiefer. Unheilverkündend. Bamm. Bamm. Bamm.

Ich erreiche die Tür zur Küche und im nächsten Moment streckt Eva ihren Kopf heraus.

„ Nerice!“, sagt sie schwungvoll und drückt mir eine Schüssel mit Kartoffelbrei und einem Stück Brot in die Hand.

„ Schön, dass du dich auch herunter bequemt hast.“, zieht sie mich weiter auf.

Ihr Kopf verschwindet kurz darauf wieder in der Küche und erneut ertönt Geklapper. Einen Moment später erscheint ihr Kopf auch schon wieder in der Tür.

„ Hier. Und jetzt ab die Post. Fülle deinen Magen.“, flüstert sie verschwörerisch als verrate sie mir ein Geheimnis und quetscht mir noch ein Glas Wasser in die andere Hand. Gefängnisfraß.

Ich drehe mich um und gehe weiter auf die Tür des Esszimmers zu, die ein Stück weiter vorne ist. Bämm. Bämm. Bämm. Meine Schritte klingen immer bedrohlicher. Aus dem Esszimmer klingt kein Laut. Es ist mucksmäuschenstill. Bämm. Bämm. Bämm.

Ich komme an der Tür des Esszimmers an und gehe hindurch. Auf der rechten Seite direkt neben der Tür ist der Tisch, an dem ich immer sitze. Ich gehe darauf zu und setze mich. Es ist immer noch still. Totenstill. Ich sehe mich im Raum um. Wie erwartet drängen sich die Anderen in der Ecke des Raumes zusammen, die am weitesten von mir entfernt ist. Sie scheinen sich nun allmählich ein wenig zu entspannen, denn sie fangen an leise zu tuscheln. Die Stühle, auf denen sie sitzen, sind blutrot. Genau wie alles andere im Raum. Draußen braut sich ein Unwetter zusammen. Der Himmel verdunkelt sich. Es sieht nach einem Gewitter aus.

Plötzlich zeigt eines der Mädchen herausfordernd auf mich und kurz darauf steht steht der Junge neben ihr auf und kommt auf mich zu. Babumm. Babumm. Babumm. Er ist ein wahres Muskelpaket. Ich glaube sein Name ist Justin. Babumm. Babumm. Babumm. Er soll sein ganzes Haus angezündet haben, während seine Familie noch darin war. Babumm. Keiner von ihnen hat überlebt. Babumm. Ich weiß ja, dass diese Kids dämlich sind, aber doch nicht so dämlich. Babumm. Bleib weg. Mit diesem Feuer solltest du nicht spielen. Babumm. Nein. Komm nicht näher. Bleib weg. Babummbabummbabumm. Mein Herzschlag beschleunigt sich und wird lauter als seine Schritte. Babummbabummbabummbabumm. Ich sehe, wie mein Glas anfängt zu wackeln. Babummbabummbabumm. Er steht vor mir. Ich habe ein ganz mieses Gefühl im Magen.

„ Hey, Nerice. Was geht?“, fragt er mit dröhnender Stimme.

„ Du gehst jetzt besser, wenn du klug bist. Egal was für eine Wette du am laufen hast, das ist ne ganz miese Idee.“, meine ich mit zitternder Stimme.

Babummbabummbabumm. Jetzt fängt auch der Tisch an zu vibrieren. Draußen grollt der Donner.

„ Ich habe keine Wette am laufen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich nicht glaube, dass du verflucht bist, sondern das du die Leute in deiner Nähe einfach umbringst. Angefangen mit deinen Eltern.“, sagt er herausfordernd.

Einen Moment passiert gar nichts. Es herrscht eine Totenstille im Raum. Draußen fährt ein Blitz vom Himmel. Dann zerplatzt plötzlich das Glas auf dem Tisch und die Möbel im Raum fangen an zu wackeln. Warum hat er es nur herausfordern müssen? Einerseits will ich , dass es aufhört, aber andererseits schäume ich vor Wut. Wie kann er es wagen zu behaupten, dass ich meine Eltern umgebracht habe? Die Glühbirnen und Gläser überall im Raum zerplatzen und die Möbel fangen an gegen die Wände zu schlagen und vor und zurück zu rutschen. Die Fensterscheiben zerplatzen. Mein Herzschlag geht noch schneller.

„ Hör auf!“ , schreit Justin panisch. „ Hör auf damit, du krankes Miststück. Was bist du für ein Monster?“

Babummbabummbabummbabumm. Ich kann mein Herz noch weiter beschleunigen hören. Eine unsichtbare Macht packt Justin und schleudert ihn quer durch den Raum. Die Decke bekommt Risse. Eine Eisenstange springt von einem der Fenster ab und fliegt quer durch den Raum. Sie rammt sich direkt in Justins Brust und spießt ihn an der gegenüberliegenden Wand auf. Die Anderen schreien hysterisch auf. Blut vermischt sich mit der blutroten Farbe der Wände. Ein weiterer Blitz kracht draußen herunter. Dann verzieht sich das Unwetter genauso schnell wie es gekommen ist und mit ihm verschwindet auch die gefährliche Macht im Raum.

Die Sonne scheint wieder und die Lage beruhigt sich. Und Justin? Justin ist immer noch an die Wand genagelt. Tot. Durch die Stille fangen draußen die Vögel an zu zwitschern. Und ich stehe inmitten dem Chaos, das übrig bleibt. Ich, Nerice. Das Monster.