Der falsche Weg

Ich wandere über eine lichte Wiese, umgeben von wunderschönen Blumen und zwischernden Vögeln. Weiße Tauben fliegen über den blauen Himmel und meine Haare glitzern im Licht der Sonne. Doch schon bald ist die Wiese zu Ende und ich komme an einem dunklen Wald an, durch den ein schmaler Pfad führt, der sich um knorrige alte Bäume windet, die teilweise so weit in den Weg hinein ragen, dass ich mich ducken oder um sie herum klettern muss, um den Pfad nicht zu verlassen und die Orientierung zu verlieren. Dennoch ist der Weg manchmal so verwachsen und vom Wald eingenommen, dass er fast nicht mehr vom Rest des Waldes zu unterscheiden ist und so stolpere ich das ein oder andere Mal blind durch das Unterholz bis ich den Pfad schließlich doch wieder fand. Durch diesen holprigen Weg und das mühsame Vorwärts kommen habe ich mir schon so manchen Kratzer zugezogen, die nun meinen Körper zieren.

Schließlich komme ich an eine Abzweigung. Zwei Schilder weisen in die verschiedenen Richtungen. Eines weißt auf einen schmalen Pfad, der sogar noch holpriger aussieht, als der von dem ich kam. Auf diesem Schild steht in großen Buchstaben: “ Zum Eulenfelsen“. Das andere weißt auf einen breiten, gemütlich aussehenden Betonweg mit dem ein oder anderen Schlagloch. Darauf steht: „Maultierweg zur Wiese“. Einem alten Sprichwort folgend wende ich mich dem schwierigen Weg zu den Eulenfelsen zu. Doch gerade als ich den Weg betreten will, höre ich eine Eule in der Ferne rufen. Der Ruf scheint so weit weg, dass sich Zweifel in mir regen. Mein Blick gleitet auf den breiten, leichter aussehenden Weg. Er scheint viel einladender und überhaupt, warum sollte ich den schwierigen Weg nehmen, wenn ich auch den leichten Weg zu einer schönen Wiese wählen konnte. Eine Wiese ist schließlich mindestens ebenso schön wie die Eulenfelsen.

Entschlossen trete ich den Weg zur Wiese an. Eine Weile läuft der Weg schön breit und gemütlich durch einen besonders düsteren Waldabschnitt, was mich auf dem breiten Weg aber nicht sonderlich interessiert. Doch dann biegt der Weg um eine Kurve und plötzlich wird er schmaler und geht stetig bergauf, eine Steinwand zu meiner rechten Seite und einen nebeligen Abgrund zu meiner linken. Das geht so lange so, dass der Himmel bereits dunkler wird und ich Mühe habe noch etwas zu sehen. Irgendwann kommt ein Schild, auf dem steht: „Achtung Lawinengefahr, bitte seien sie leise.“ Fest nehme ich mir vor kein Wort zu sagen, doch 13 Minuten später huscht lautlos eine Schlange knapp vor mir über den Weg. Vor Schreck schreie ich auf, springe rückwärts und poltere gegen die Steinwand. Diese fängt an zu rumpeln und als die ersten Kiesel herunter poltern, weiß ich, dass ich eine Lawine ausgelöst habe. Schnell renne ich vorwärts, während die Steine um mich herum zu Boden fallen.

Nach einer Weile bleibe ich schwer atmend stehen, erleichtert, dass keiner der Steine mich getroffen hatte und schaue zurück in Erwartung den Weg von Steinen übersät zu sehen. Doch stattdessen ist dort nichts. Der Weg hat unter der Kraft und dem Gewicht der Steine nachgegeben und zurück bleibt ein Abgrund, der es mir unmöglich macht umzukehren. Zwecklos suche ich die Schuld allein bei der Schlange, doch schließlich muss ich mich erfolglos umdrehen und weiter gehen. Kurz darauf kommt erneut ein Schild. Es ist alt und vergammelt und in der Dunkelheit ist die Schrift kaum zu lesen, doch nach genauerem hinsehen, steht dort:“Herzlich Willkommen auf der Maultierwiese, die Endstation ihrer Reise“.

In der Hoffnung auf eine schöne Wiese, wie die von der ich kam, schaue ich durch die Dunkelheit der Dämmerung in die Ferne, doch statt einem Paradies sehe ich eine alte, verdorrte Wiese voll von Leichen und Tierkadavern, die Assfresser wie Geier anzulocken scheinen, die sich dort an den Überresten erfreuen. Nun wo ich darauf achte, rieche ich auch den Gestank der Verwesung und des Todes, der von der Wiese herrührt. Panisch drehe ich mich um und will zurück eilen. Zurück zu der Abzweigung und den Weg zu den Eulenfelsen wählen, doch dabei vergesse ich den Abgrund, der nun den Weg spaltet und falle in die Tiefe. Über meine hysterischen Schreie höre ich den Raben bedrohlich krächzen.

Panisch fahre ich hoch und finde mich über die Toilette gebeugt, umringt von Alkoholflasche und Drogen. Obwohl ich nun aus meinem Tagtraum erwacht bin, fühlt sich das Ganze hier ganz falsch an. Genauso wie der Weg zur Wiese in meiner Fantasie. Ich habe den falschen Weg gewählt. Kann ich noch zurück oder ist der Weg bereits eingestürzt?